Freie Lizenzen

 

Ausgangssituation

Bildung lebt von dem zugrunde liegenden Bildungsmaterial. Bislang wird dessen Erstellung zumeist direkt oder indirekt von Steuergeldern finanziert. Sei es das Schulbuch, dass durch Landesgelder in Auftrag gegeben wird oder ein Bildungsträger, der mit Hilfe von Fördergeldern eigene Vermittlungskonzepte strickt und anbietet. Die erarbeiteten Materialien werden dann aber nur selten den (Steuer zahlenden) Menschen zur freien Verwendung überlassen. Das Schulbuch wird im besten Fall vergünstigt zum Kauf angeboten, eigene Veränderungen oder Erweiterungen sind nicht zulässig. Auch das Nachdrucken von Auszügen oder Ableitungen ist nicht gestattet.

Bei Bildungsträgern ist es sogar häufig so, dass die erarbeiteten Konzepte und Materialien als Verschlusssache und "geistiges Eigentum" betrachtet werden, dessen Geheimhaltung oberste Priorität besitzt. Es könnte ja ein anderer Träger daher kommen, das Konzept aufgreifen, verbessern und dann damit in Konkurrenz treten. Im Endeffekt werden gemeinschaftlich aufgebrachte Mittel (in diesem Fall Steuergelder) für den gewinnbringenden Nutzen Einzelner verwendet, die Gemeinschaft andererseits erhält keinen uneingeschränkten Zugang zu den Ergebnissen.

 

Vorbild

Vom Funktionieren der Freien Softwarebewegung inspiriert entstand die Idee, Bildungsmaterialien auch unter Freien Lizenzen zu veröffentlichen. Damit soll allen Interessierten die Nutzung, Veränderung und Weiterverbreitung des ihnen vorliegenden Bildungsmaterials ermöglicht werden. Das ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was z.B. die Musikindustrie mit Hilfe des Copyrights bei Musikstücken zu verhindern sucht und wird deswegen auch gerne als Copyleft bezeichnet.

Dem Copyright liegt ein Verknappungsdenken zu Grunde. Eine beliebig und kostengünstig kopierbare Ressource (wie es Musik z.B. durch digitale Tonträger wurde) lässt sich monetär nur verwerten, wenn der Verbreitung entgegen gewirkt wird. Die wird praktisch durch Kopierschutzsysteme versucht und auf rechtlicher Ebene durch das Copyrightsystem. Bei Musik lässt sich leicht zeigen wer Nutzen aus einem strengen Copyright zieht und es dementsprechend versucht auszubauen. Bei Bildungsmaterialien fordert eine Verknappung nur, a) wer kein Interesse an gebildeten, emanzipierten Menschen hat oder b) wer Geld mit der Verbreitung von Bildungsmaterialien verdient.

Beim Copyleft wird durch eine geschickt gewählte Lizenz zukünftiges Copyright verhindert. Copyleft-Lizenzen tauchten erstmals in den 70ern bei Softwareprojekten auf. Mittlerweile gibt es einige solcher Lizenzen für die verschiedensten Anwendungsfälle. Am bekanntesten dürfte die Creative Commons Lizenz sein unter der z.B. alle Bilder und Texte bei Wikipedia stehen.

 

Freie Lizenzen

Zusammenfassend wird oft von Freien Lizenzen gesprochen. Das große "F" will verdeutlichen, dass nicht unbedingt Kostenfreiheit im Vordergrund steht (selbstverständlich kostet die Erstellung von Musik, Software und Bildungsmaterialien Zeit und Geld). Vielmehr ist der Freiheitsbegriff im ideellen Sinne gemeint. So verlangt Freie Software vier essentielle Freiheiten:

  • Sie (die Software) darf zu jedem Zweck ausgeführt werden.
  • Sie darf studiert & an eigene Bedürfnisse angepasst werden.
  • Sie darf beliebig verbreitet werden.
  • Änderungen werden zum Nutzen der Gemeinschaft unter den gleichen Bedingungen veröffentlicht.

Während die ersten drei Punkte freiheitliche Forderungen sind, bildet der letzte Punkt den eigentlichen Clou. Dieser garantiert, dass Software die einmal als Freie Software veröffentlicht wurde auch weiterhin so verbreitet werden muss. Mit solch einer Lizenz wird das ursprünglich verknappend gedachte Lizenzrecht also mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Und dieser Anspruch lässt sich mittlerweile sogar gerichtlich durchsetzen.

 

... in der Bildung

Auch im Bildungsbereich ist die vorherrschende Meinung oft: "Das hab ich erstellt und ich bestimme was damit passiert!" Diesem Denken liegt ein ähnlicher Alleinverwertungsanspruch zu Grunde, wie beim oben angeführten Beispiel der Musikindustrie. Ausgeblendet werden dabei die Möglichkeiten, die durch Teilen entstünden und die gesellschaftliche Verpflichtung, die sich durch Verwendung von öffentlichen Mitteln ergibt.

Das Konzept der Freien Software im Bildungsbereich angewandt auf Methoden, Konzepte, Texte, Grafiken, Filme usw. bedeutet dagegen:

  • Freie Bildungsmaterialien dürfen in jedem Kontext genutzt werden
  • Freie Bildungsmaterialien dürfen analysiert & an eigene Bedürfnisse angepasst werden.
  • Freie Bildungsmaterialien dürfen beliebig vervielfältigt werden.
  • Änderungen werden zum Nutzen der Gemeinschaft unter den gleichen Bedingungen veröffentlicht.

Die Veröffentlichung von Bildungsmaterialien unter Freien Lizenzen regt den gegenseitigen Austausch an. Dies führt langfristig zu einer Qualitätssteigerung und zu einer Diversifizierung der Inhalte & Methoden. Diese Punkte sind sehr gut bei Freier Software beobachtbar. Wenn mehrere Menschen an Bildungsmaterialien mitwirken, ihre Aspekte und Bedenken einbringen, dann enthalten sie letztendlich weniger Fehler und die Inhalte werden vielfältiger und modularer, was sie vielseitiger anwendbar werden lässt. Umgekehrt wirken sie einem privatisierten Dienstleistungsbildungsmarkt entgegen.

Gerade kleine Bildungsträger werden in ihrer Arbeit durch Freie Materialien unterstützt. Oftmals fehlt ihnen der lange Atem, um z.B. Schulprojekttage komplett selbst zu entwickeln. Indem sie vorhandene Arbeiten nutzen und anpassen, können sie sich auf inhaltliche Fragen konzentrieren. Der zeitlich Aufwand für die Vorbereitung von Bildungsveranstaltungen sinkt und es können schneller aktuelle Themen erschlossen werden.

 

Beispiel: Creative Commons Lizenz

Abgesehen von den unmittelbaren Wirkungen — klar definierter Schutz durch das Urheberrecht bei zugleich genauerer Kontrolle darüber, was für Freiheiten mit dem Werk verbunden sind — gibt es mehrere denkbare Beweggründe für eine Verwendung von CC-Lizenzen:

Lizenzverwendung als reines Statement
Manche verwenden für ihre Werke nur deshalb CC-Lizenzen, weil sie demonstrieren möchten, dass sie sich für Open Access und freien Zugang zu Kulturgütern im Allgemeinen aussprechen. In vielen Communities ist es inzwischen eine Selbstverständlichkeit, sich offener Lizenzmodelle zu bedienen statt sich alle Rechte strikt vorzubehalten.

Besonderes Interesse an Bearbeitung

Andere wiederum sind besonders von dem Gedanken fasziniert, dass ihre Werke aufgegriffen und weiterverwendet werden, und sehen diesem Prozess in den Weiten des Cyberspace gerne zu. Ohne freie Lizenzierung (mittels CC-Lizenzen oder anderen Standardlizenzen) muss für jede Verwendung erstmal beim Urheber nachgefragt werden. Da dies den Aufwand für andere erhöht, werden Inhalte ohne Freiheiten oft entweder gar nicht oder ohne Erlaubnis genutzt, was beides nicht im Sinne der Urheber ist.

Beitrag zur Vermehrung des MaterialpoolsWer regelmäßig auf das bereits vorhandene digitale Material zurückgreift, z.B. weil die eigene Werkform es einfach erfordert (Vertonen von Videos, Grafikdesign, Musikmixes, …), der weiß, dass dieser Materialpool nur dann aktuell und ergiebig bleibt, wenn aus ihm nicht nur entnommen, sondern auch etwas hinein gegeben wird. Eine — wenn auch vielleicht eingeschränkte — Freigabe der eigenen Inhalte unterstützt die gegenseitige Vermehrung und Erhaltung des gemeinsamen Materialpools.

 

Die verschiedenen Lizenen bei Creative Commons

Der einfachste CC-Lizenzvertrag verlangt von der Nutzer_in (Lizenznehmer) lediglich die Namensnennung der Urheber_innen/Rechteinhaber_innen (Lizenzgeber). Darüber hinaus können aber weitere Einschränkungen gemacht werden, je nach dem, ob die Rechteinhaber eine kommerzielle Nutzung zulassen wollen oder nicht, ob Bearbeitungen erlaubt sein sollen oder nicht und ob Bearbeitungen unter gleichen Bedingungen weitergegeben werden müssen oder nicht. Durch die Kombination dieser Bedingungen ergibt sich die schon genannte Auswahl von insgesamt sechs verschiedenen CC-Lizenzen, die dem Rechteinhaber für den deutschen Rechtsraum derzeit in der Version 3.0 zur Verfügung stehen:

  •  Namensnennung (Details)
  •  Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen (Details)
  •  Namensnennung-KeineBearbeitung (Details)
  •  Namensnennung-NichtKommerziell (Details)
  •  Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung (Details)
  •  Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen (Details)

 

Beispiel englischsprachiges Bildungsmaterial